Mein erstes Jahr mit Conscious Dance

Der Geruch von geräucherten Salbei umhüllt mich als in den Tanzraum komme, in dem sich an die 50 Menschen am Boden liegend, kniend oder stehend aufwärmen.

Es ist ein zauberhaftes Bild. Sich streckende Gliedmaßen, gähnende und genüßliche Laute, tiefes Atmen.

Gleitende Füße am Boden, manche neckisch, andere verschlafen, weitere lebhaft.

Slowenische Wörter.
„Instichnamo“ – ich beginne zu begreifen, wir atmen. „O krog“ – in einen Kreis kommen.

Ich komme mir vor wie ein blutige Anfängerin. 10 Jahre Balletausbildung in Österreich, davon 7 an der Bruckneruniversität Linz, und ich staune nur.

Ich bin fasziniert und änglich zugleich.

Bojana, die Lehrerin, rät mir Runden im Raum zu drehen. Einfach gehen. Immer wenn ich nicht weiß, was ich machen soll. Oder müde bin. Oder verwirrt. Oder ich mich langweile. Einfach all die Tänzer umkreisen. Gehen oder laufen. Und atmen.

Das krieg ich hin, denk ich. Da bin ich nicht überfordert und es macht mir auch keine Angst.

Mut, ja es braucht Mut. Eine ganze Menge, beginne ich zu verstehen.

Yoga ist das Eine. Das ist sehr berechenbar. Ballett auch. Vorgezeigt, nachmachen. Genau so. Copy-paste. Das gibt mir Sicherheit und Vertrauen.

Das hier ist anders. Freaky.

Und eine enorme Transformation findet statt. Nach wenigen Wochen wird Tanz zu so viel mehr als zu meinem „Workout“ – tanzen wird zu meiner Meditation, meiner Medizin. Was immer mir während der Woche begegnet, ich weiß, Mittwoch Abend kommt. Zeit zu reflektieren. Mich zu distanzieren. Zu verarbeiten. Zu entwirren. Auszuloten. Abzugeben. Klarheit für Entscheidungen zu finden, wenn ich im Gedankenkarusell gefangen bin. Den Flow meines Körpers zu spüren und die Stimmen meines Herzens und mein „Bauchgefühl“ wahrzunehmen.

Es ist meine Intuition, die mich leitet. Jeden Schritt. Jeden Atemzug. Ein Fallen-lassen. Ein Vertrauen. Eine Romanze mit dem Ungewissen. Mut und Offenheit. Vertrauen, in meine Kreativität. Vertrauen in mich. Vertrauen in meinen Körper. Vertrauen, dass da eine Weisheit liegt – die gehört und gesehen werden will. Vertrauen, dass da etwas ist. Keine Leere. Und falls ja, die Leere erlauben. Dem Erlaubnis zu erteilen, was ist.
Dem Erlaubnis geben, was bewegt werden will. Was sich ausdrücken will. Kommunizieren will. Fernab von Worten.

Es ist ein Sterben. Ein Sterben der Stimme im Kopf. Die denkt, sagt, überlegt, was zu tun ist.

Doch das weiß ich bei meiner ersten Einheit noch nicht. Was mir Angst macht?

Das, was in mir steckt. Wenn ich ganz ehrlich bin. Ich hab Angst, dass vor einer „Kiste der Pandora“ in mir. Monate in Yogalehrerausbildungen, 2x täglich 2 Stunden Meditation. In Stille sitzen. Und trotzedem macht es mir Angst in meinen Körper zu lauschen – während ich in Bewegung bin. Dem zuzuhören, was wirklich tief in mir ruht. Crazy, oder?

Ich komme mir unbeholfen vor, bin verunsichert, ja.

All die anderen scheinen so unbefangen. So frei. Als ob sie sich überhaupt nicht darum kümmern würden, wie ihre Bewegungen aussehen oder was anderen machen oder wie deren Bewegungen aussehen. Das ist Welten entfernt von einer Ballettstunde oder Disko-Tanzen.

Sie sehen mich, ja, aber ohne mich zu bewerten. Es fällt niemand über mich her, wie ein Jäger über ein scheues Reh. So komme ich mir ein bisschen vor – ein scheues Reh, das zögerlich beginnt Mut zu fassen und vorsichtig einzelne Körperteile bewegt.

Mir begegnet so was wie ein „Hej, schön, dass du da bist. Danke, dass du deinem Körper und deinem Tanz Raum gibst“. Ich fühle mich angenommen und entspanne mich mehr und mehr. Ich fühle mich wohl. Irgendwie freier. Deswegen, weil ich nicht komisch angeschaut werde. Oder bewertet, wenn ich 10 Minuten lang meine Schulter schüttle, meinen Fingern nachschaue, mich im Kreis drehe oder am Boden wälze.

 

Ich lerne und verstehe mehr über „Angst“.

Angst in mir. Es ist das Gefühl von Angst, von anderen bewertet oder stigmatisert zu werden. Nicht reinzupassen. Anders zu sein.

Es ist eine Angst, abzugeben. Zu „sterben“. Die Stimme im Kopf sterben zu lassen. Und auf eine Reise zu gehen, in der mir klar wird, wie es in mir tobt oder dass es in mir „ein Faß ohne Boden“ gibt. Wo beginnt dieses „Innere“, das „Innere in mir“ und wo hört es auf? Woran kann ich mich halten, orientieren?

Es kommt mir vor, als ob ich im Moor versinken würde. Eigentlich mehr als ob ich schon im dunklen Moor versunken sei. Lichtlos – ohne Orientierung von oben und unten. Beunruhigend, weil ich nicht sehe, was um mich geschieht.

Es ist ein Spiel mit meinen Körperteilen. Dem Entdecken, was mein Köper alles kann. Dem Erforschen vom Spielen mit anderen. Zu sehen, wie ich mich fühle, wenn da plötzlich jemand ist, der mich sieht. Der auch „merkwürdige“ oder „state-of-the-art“ Bewegungen macht. Der vielleicht einer Emotion Ausdruck verleiht.

Oder verschlossen ist. Wie sich mein Tanz ändert, wenn ich jemandem begegne. Wie sich die Qualiäten im Tanz ändern können. Aufwirbelnd, dämpfend, ermutigend, verunsichernd. Klar, verschwommen.

Es ist eine Spielwiese, auf der ich völlig problemlos ausprobieren kann. Meine Grenzen setze. Oder überschreite. Austeste. Wackle. Stabilisiere. Neu ausrichte. Lache, weine, bete, stöhne. Ich kann deprimiert sein, lustlos, kraftlos, verärgert, verzweifelt.

 

Bojana lehrt mich viel. Unglaublich viel. Sie kann meinen Körper lesen.

Sie sieht die Gefühle in meinen Bewegungen. Sie weiß, wo ich „feststecke“ und sie weiß, wie ich das im Tanz lösen und bearbeiten kann.

Das Tanzen ist nicht mehr wegzudenken für mich. Jeder Mittwoch Abend wird zu meiner „heiligen Zeit“. 3 Stunden tanzen, schwitzen, reinigen, transformieren. Die ganze Woche freue ich mich schon auf die nächste Einheit. Sehnsüchtig.

Sie sieht mich und all die anderen etwa 30-50 Tänzer. Jede und jeden.

Sie führt mich in tiefe Ebenen meiner Emotionen, in mein „Moor“, in das, was ich vielleicht nicht sehen will. Wovon ich nicht mal weiß, dass es da ist. In die Schmerzen meines Herzens. In Ängste, die mich zurückhalten. Die mich klein halten. In meinen Bewegungen am Dancefloor und gleichzeitig auch in meinem Verhalten im Alltag.

Ich lerne meine Emotionen und Muster kennen. Wie sie sich bewegen. Im Tanz und im Alltag. Ich lerne, wie sie durch Tanz & Atmung in Bewegung und zu Transformation kommen.

Ich lerne einzutauchen, drinnen zu sein, zu bleiben, die Transformation zu erfahren und rauszukommen.

Heute ist es genau das, was mich anfeuert und anspornt. Die Reise ins Ungewisse.

Das immer noch manchmal auftauchenede mulmige Gefühl anzufangen, weil ich Gefühle unterdrückt habe. Mir nicht Zeit genommen habe, sie anzusehen, zu spüren, zu reflektieren. Ihnen Raum zu geben als sie auftauchten. Weil ich „zu viel um die Ohren hatte“. Mir nicht genug Zeit für mich gegönnt habe. Oder einfach, um das, was in meinem Leben passiert zu „verdauen“.

Heute wie damals ist Tanzen meine Tankstelle, meine Oase, mein „Sacred Space“ wo ich genau das tun kam. Im Tanz – dort, wo ich mir selber auf so rohe, unbefangen, nackte Art und Weise begegne. Weiter. Tiefer. In Vertrauen. Ich begegne der Essenz in mir, die mich führt und leitet. Die unter Verwirrung, Sorgen, Frustration, Wut, Stress liegt.  Die, wie helles, klares Licht leuchtet. In ihr erfahre ich tiefe Freude und Glück.

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